INTERVIEW JAN BLOMQVIST

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GETRENNTE VERBINDUNGEN

Das im Oktober erschienene Album »Disconnected« verbindet auf beeindruckende Art und Weise tiefgründige Lyrics mit tanzbaren Rhythmen. Jetzt folgt eine große Live-Tour mit vielen Stopps in deutschen Städten. Grund genug für uns, genauer beim Berliner Künstler Jan Blomqvist nachzufragen.

Hallo Jan, schön dass du uns vom DJ-Magazin ein paar Fragen zu deinem neuen Album »Disconnected« beantworten möchtest. Zunächst einmal interessiert mich aber deine Bio: Nicht aus dem schwedischen Trelleborg sondern aus dem schnöden Celle/Niedersachsen kommst du und hast einmal mit Punk angefangen – ein Aspekt, der dich auf Anhieb sympathisch macht, finde ich ;) Wie kam die Entwicklung hin zu elektronischer Musik? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Ich komm aus Kreuzberg 🙂 Naja, vielleicht doch nicht ganz. Celle stimmt und bedeutet bis heute „Punk“ für mich. So schnöde war es da nämlich gar nicht. Der Umzug nach Berlin nach dem Abi war am Ende der entscheidendste Einfluss, der mich zur Produktion elektronischer Musik gebracht hat. Fasziniert hatte mich elektronische Musik aber auch schon in meinem Leben vor Berlin.

Inwiefern spiegeln sich deine musikalischen „Punk-Wurzeln“ noch heute in deiner Musik wider?
Für mich sind es die meist oft dunklen Lyrics und das Gesanglastige, das am ehesten konstant geblieben ist, seit der Zeit der Anfänge. Eine gewisse Grund-Melancholie ist immer noch da.

Foto: Christian Dammann

Du wirst im www als der „Erfinder des Konzert-Techno“ beschrieben. Ein ganz fürchterlicher Begriff… ist aber u.a. der Tatsache geschuldet, dass du neben analoger Aufnahmetechnik auch viel mit Vocals arbeitest. Geben Texte deiner Musik den tieferen Sinn? Oder anders gefragt: Kann Melodie alleine lediglich ein (vages) Gefühl transportieren, Texte wiederum die Botschaften?
Ja, der Begriff ist furchtbar, das stimmt. Aber ich kann Dir nicht unbedingt Recht geben: Es gibt diese Zweiteilung in Gefühl und Botschaft analog zu Melodie und Lyrics so für mich nicht. Melodien transportieren doch immer viel mehr als vage Gefühle. Sie allein sind schon Botschaft. Zudem kann man die Lyrics auch nicht vollkommen losgelöst von der Melodie betrachten. Ich verstehe sie eher als weitere Ebene, die ganz eng verwoben ist mit der Melodie. Ein bisschen vielleicht wie die Beziehung zwischen Bild und Musik. Bewegtes Bild lässt sich durch Musik extrem beeinflussen und umgekehrt. Deswegen gibt es ja Filmmusik und Musikvideos. So ähnlich ist es mit den Lyrics und der Musik. 

Für mich sind es die meist oft dunklen Lyrics und das Gesanglastige, dass am ehesten konstant geblieben ist, seit der Zeit der Anfänge. Eine gewisse
Grund-Melancholie ist immer noch da.”

Die Botschaften in deinem neuen Album »Disconnected« hast du ja sehr präzise beschrieben – es geht um das ständige „Verbunden sein“ via Social Media auf der einen Seite und den schwindenden physischen Kontakten der Menschen untereinander auf der anderen Seite. Die vier Orte, die du für die Produktion des Albums gewählt hast stehen sinnbildlich für dieses Phänomen. Wie sehr ist »Disconnected« ein Konzept-Album? Gibt es einen roten Faden?
Die Einleitung zu deiner Frage impliziert es schon: Alles in Bezug auf das Album ist konzeptuell durchdacht. Die Antwort ist also klar: Disconnected ist ein Konzept-Album. Zu 100%. Der rote Faden ist die thematische Ausrichtung, die von den Produktionsorten über die Lyrics und das Artwork alles beeinflusst hat. Ich habe damit etwas umgesetzt, wovon ich schon lange geträumt habe. Am Ende ist der Entstehungsprozess eines Konzept-Albums eine tolle Erfahrung gewesen, die ich irgendwann gerne wiederholen würde. Spannend ist dabei, wie sich während des Umsetzungsprozesses Dinge verändern, weil sich Manches nicht wie geplant umsetzen lässt. So hatten wir zum Beispiel vor, in Island viele Sounds in der Natur aufzunehmen. „Field Recordings in Iceland”, das klang nach einem super Plan für Disconnected. Es ließ sich aber aufgrund des starken Windes am Ende gar nicht umsetzen. Wir haben kurzfristig umdenken müssen. Im Endeffekt ist dann aber ein Großteil der Lyrics auf der Insel entstanden, beeinflusst von der Natur, dem Wetter und dem Zusammensein mit dem kompletten Team. Das war toll und am Ende ist es so vielleicht besser gewesen, als wir es hätten planen können.

Foto: Christian Dammann

Auch das Artwork des Albums, die Videos und das Pressematerial wirken durchdacht, in Verbindung zum Album wie aus einem Guss. Hast du einfach ein sehr gutes Team um dich, dem du vertraust oder behältst du bei allem schon einen Blick darauf, wie das Gesamtwerk aussieht?
Zuerst habe ich immer eine Vision im Kopf, oft schon Jahre bevor ich darüber das erste Mal spreche. Dann kommen konkretere Ideen zum Sound-Design oder Song-Ideen dazu und in diesem Fall eben das ganze Konzept, das sich hinter »Disconnected« verbirgt. Bei der Umsetzung helfen mir natürlich viele Menschen, die ich alle seit vielen Jahren meine Freunde nenne. Ein tolles Team. Wir vertrauen uns, weil wir uns einfach sehr gut kennen. Jeder hat seine kleine Nische und macht das, was er oder sie am besten kann. Felix Lehmann (mein Studio-Teilhaber, Pianist und Band-Kollege) und ich sind für die Musik-Produktion und die musikalische Grundausrichtung zuständig. Christian Dammann ist nicht nur Drummer, sondern auch super gut mit allem, was das Visuelle betrifft, sprich, er managt die Arbeit mit den Video- und Artwork-Leuten (in diesem Fall sind das die Jungs von der „Zentrale”). Dann gibt es Ryan Mathiesen, mit dem ich seit Jahren zusammen die Lyrics schreibe. Mit dem Lichtkünstler Shan Blume, auch aus dem schnöden Celle übrigens, sitzen wir gerade an der Umsetzung der Visual-Show für die Album-Tour. Unsere Licht-Show machen seit Jahren die Telekollegen. Und Johanna, eine meiner ältesten Freundinnen, schreibt die Blomqvist-Pressetexte und Ähnliches und beantwortet auch schriftliche Interview-Fragen. Äh.. Moment.. ;-).

Dein Debüt-Album »Remote Control« ist bei der Presse und allgemein sehr gut angekommen. War es dein primäres Bestreben, den Erwartungen, die nach so einem positiven Einstieg zwangsläufig entstehen, gerecht zu werden oder konntest du ganz frei von Druck dein Ding durchziehen, ohne Blick auf den kommerziellen Erfolg?
Vom kommerziellen Druck konnte ich mich glücklicherweise distanzieren. Aber es gibt ja noch andere Arten von Druck, die eine Rolle spielen bei der Produktion eines zweiten Albums. Am ärgsten war dabei der Zeitdruck. Fies ist auch der Druck, der von mir selbst kommt. Denn: ich möchte happy sein mit dem Ergebnis meiner Arbeit, bzw. ich muss es sogar. Nicht zu unterschätzen ist nämlich, dass ich die Musik ja lange, sprich mehrere Jahre hintereinander spielen muss. Mit hingerotzten Songs würde ich mir am Ende selbst ein Bein stellen.

Foto: Christian Dammann

Deinem musikalischen Stil bis du weitestgehend treu geblieben – was sind bei »Disconnected« die signifikanten Änderungen/Entwicklungen zum Vorgänger?
Wir haben Disconnected im Vergleich zu Remote Control zu 100 % analog produziert. Na gut, nicht ganz: 2-3 Snare Samples kommen aus der Dose. 99% analog also. 

Zurück zum Stichwort „Konzert-Techno“ – deinem Album folgt eine ausgedehnte Europa-Tour. Was erwartet deine Fans in Bezug auf Instrumente, Sound und natürlich tanzbaren Songs?
Wir werden 3 oder 4 Moogs und 2 oder 3 Prophets auf der Bühne haben auf unserer Tour. Außerdem wird es eine Licht- bzw. Bühnenshow geben und ein komplettes Live Drum-Set, das aber auf Techno getriggert ist, wie eine Drummachine. Die Vorbereitungen und Proben laufen auf Hochtouren. In vier Wochen geht es los. Wir freuen uns sehr drauf.

Der Gig mit einer Band, mit Schlagzeug, Keyboard usw. ist mit Sicherheit anspruchsvoller und unberechenbarer als ein DJ-Set zu spielen. Was überwiegt, das Lampenfieber oder die Vorfreude auf das Ungewisse?
Die Vorfreude aufs Ungewisse überwiegt ganz klar. Die nicht planbaren Momente, in denen wir drei über uns hinaus wachsen, sind mit das Beste an den Live-Gigs mit der Band. Lampenfieber habe ich eigentlich nur, wenn es beim Soundcheck große Katastrophen gibt. Das kann aber auch passieren, wenn ich ohne Band unterwegs bin. Das lässt sich dann aber genau so wenig ändern.

Foto: Christian Dammann

Du hast jetzt zum wiederholten Male beim Burning Man Festival auftreten können – ist das ein persönliches Tour-Highlight oder gab es Gigs, die das noch toppen konnten?
Meine zwei Burning Man Erfahrungen zählen absolut zu den Highlights. Aber nicht wegen der Gigs, sondern eher wegen des Drumherums. Gig-technisch gab es viel fettere Dinger für mich, zum Beispiel das diesjährige Audioriver Festival in Polen, das Untold Festival oder das Electric Castle in Rumänien, das Sziget Festival und Balaton Sound in Ungarn, oder auch Rock am Ring und Rock im Park.

Zum Schluss noch eine Frage zum Album: Was bedeutet der Verlust menschlicher Verbindungen für dich als Mensch, als Vater, und wie sehen deine Lösungsvorschläge dazu aus?
Am Ende verlieren wir ja keine menschlichen Verbindungen. Wir sind ja sogar viel krasser verbunden durch das Internet, mit allen möglichen Menschen, weltweit, auf unterschiedlichen Kanälen und in Echtzeit. Digitaler Kontakt ist ja auch menschlich. Aber es ist eben eine andere Art des Kontakts. Und wenn dieser überwiegt, dann ist das eine krasse Veränderung. Daran muss man sich anpassen und damit seinen Umgang finden. Dazu ist es wichtig, dass man sich zunächst einmal darüber bewusst ist, dass es diese Veränderungen gibt und dass sie einen Einfluss haben auf unser Leben und unser Verhalten. Am Ende muss aber jeder seine eigene Lösung finden. Für mich zum Beispiel hilft es, dass ich Vater bin. Denn der Umgang mit meinem kleinen Sohn könnte analoger nicht sein. Das erdet mich und zeigt mir oft, worauf es eigentlich ankommt.

Vielen Dank, Jan, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns über deine Musik zu sprechen. Ich wünsche mir für dich, viele ausverkaufte Konzerte, bei denen die Menschen miteinander in Verbindung treten können.

Text: André Hallbauer

Jan Blomqvist, geboren in den ‘80ern (nicht in Schweden), ist ein Solo Künstler und Bandleader aus Berlin. Er war es, der Konzert Techno erfunden hat: schöne Stimmen und simple Beats. Mit seiner Band BLOMQVIST spielt er „Dance Electro-Pop“ und als Solo Künstler „Club Soul“.
Als Kind weinte Jan nie, er sang. Seine Hippie Eltern kauften ihm seine erste Gitarre. Gerade als er lernte wie Keith Richards zu spielen, merkte er, dass er lieber wie Mick Jagger wäre. Er gründete seine erste Band in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, Deutschland.

Dann kam der Punk: „musikalisch eher destruktiv, aber mehr oder weniger charakterbildend.”!
Von seinem ersten verdienten Geld kaufte sich Jan einen Verstärker. Die Schulband wollte ihn damals nicht aufnehmen, aber deren Musik war er so oder so abgeneigt. Im Alter von 21 Jahren, während seines Raumfahrttechnologiestudiums, lernte er Techno DJ’s kennen und ihm wurde langsam klar, dass er sich komplett der Musik und dem DJing hingeben wollte. “Lehrer zu sein ist riskanter, wenn du nicht morgens aufstehen willst.”

Am Tag schlief er, in der Nacht produzierte er stundenlang seine Tracks. Am Wochenende arbeitete er als Barkeeper in einem Club, um seine „lehrreichen“ Trips zu bezahlen: Radiohead Open-Air Konzert, Bar25, AfterHours. Eines Tages wird es ihm gelingen, “Die Langeweile in den Clubs zu verhindern und Konzert Feeling auf die Tanzflächen zu bringen, all das mit einfachen Stimmen und minimalen Beats. Rock ‚n‘ Roll im Club. Und dann der BOOM! 2011 hatte er einen Auftritt auf dem Fusion Festival vor 3000 Menschen. “Je mehr, desto besser.”

2012 hatte er einen weiteren Auftritt auf dem Rooftop des Berliner Weekend Clubs.
Dieser Auftritt brachte ihm Millionen Clicks auf YouTube und 350 Auftritte in drei Jahren.
Jan erinnert sich an alle: New York, Moskow, Paris, Istanbul, Los Angeles, Rom, San Fransisco, Mexico City, Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam, Mailand, Athen, Budapest, Beirut, Tunis, Nepal, Bukarest, Warschau, Zürich, Marseille, Montepellier, Thessaloniki, München, Wien, London…
Für sein erstes Album nahm er sich so viel Zeit wie er brauchte.
Er liebt halbe Schläge, aber hasst halbe Takte. Im Studio zu sein bedeutet für ihn etwas zu erschaffen.

Und dann kam sein Album-Debüt REMOTE CONTROL auf den Markt. Mit seinem unmittelbaren tiefen und charakteristischen JB-Gefühl. Radikal demokratische, weltumspannende Elektromusik. In 12 Tracks hat Jan Blomqvist seine eigene musikalische Mischung entwickelt: eine Prise Portishead, ein Schuss R’n’B, natürlich Radiohead und der minimale Sound der Nuller ergeben atemberaubende Melodien, souliger Gesang und klare Texte.

Die Tanzfläche ist der Transformator, der Melancholie in Strom verwandelt und jeden ansteckt: den Konzertliebhaber, den Raver Bully und das Glitzermädchen.
“Der verdammte Regenbogen hat kein Gold”, singt Jan. Seine Musik hilft uns, darüber hinwegzukommen.
Solokünstler und Bandleader Jan Blomqvists Orchester: Christian Dammann als Drummer. Felix Lehmann als Pianist, Ryan Mathiesen als Texter. “Das Unvollständige in Charakterklänge zu verwandeln: emotional, ehrlich, authentisch, bassdominiert, zweifarbig, selten in Lehrbuchform. Weil es der minimale schräge Klang ist, der einem Gänsehaut bringt.”

Offizielle Seite Jan Blomqvist: https://www.janblomqvist.com
https://www.facebook.com/blomqvist.music
https://soundcloud.com/janblomqvist
https://www.instagram.com/janblomqvist_official/

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